Trompenaars’ sieben Kulturdimensionen
Fons Trompenaars und Charles Hampden-Turner entwickelten das Modell aus Fragebögen, die sie über 15 Jahre hinweg an Manager in mehr als 40 Ländern schickten, und stellten es in Riding the Waves of Culture (1997) vor. Es beschreibt sieben Dimensionen: Die meisten betreffen den Umgang mit Beziehungen, die übrigen den Umgang mit Zeit und Umwelt.
Trompenaars’ Dimensionen im Überblick
Was das für China und Deutschland bedeutet
Deutschland gilt im Modell als ausgeprägt universalistisch: Regeln und Verträge gelten für alle gleichermaßen, ganz gleich, wer beteiligt ist.
China gilt als partikularistisch: Beziehung und Situation bestimmen, wie eine Regel ausgelegt wird, und Verpflichtungen gegenüber Familie, Freunden und engen Kontakten können schwerer wiegen als eine allgemeine Regel.
China neigt zum Kommunitarismus: Entscheidungen laufen über die Gruppe, Erfolg und Verantwortung werden geteilt.
Deutschland neigt zum Individualismus: Man handelt als Einzelner mit eigener Verantwortung und wird auch so beurteilt.
Deutschland gilt als spezifisch: Eine Arbeitsbeziehung bleibt auf die Arbeit beschränkt, und wer in der Sache direkt ist, meint es nicht persönlich.
China gilt als diffus: Aus einer Geschäftsbeziehung wird leicht eine persönliche, und Vertrauen aus einem Bereich überträgt sich auf andere.
Beide Länder stehen auf der neutralen Seite: Offen gezeigte Gefühle haben im Berufsleben wenig Platz, allerdings aus unterschiedlichen Gründen.
In Deutschland trennt man Persönliches und Berufliches; in China gehört Zurückhaltung zur Selbstbeherrschung und dazu, das Gesicht zu wahren.
Deutschland gilt als leistungsorientiert: Ansehen folgt aus Können und Ergebnissen.
China neigt stärker zum zugeschriebenen Status: Auch Alter, Dienstjahre, Titel und gewachsene Beziehungen entscheiden mit, wer Ansehen genießt.
In der Praxis verbinden beide einen weiten Blick nach vorn mit einem ausgeprägten Geschichtsbewusstsein.
Deutschland plant und investiert langfristig und schöpft zugleich Autorität aus seiner Ingenieurstradition und seinen gewachsenen Institutionen.
China treibt Entwicklung und Innovation voran und versteht sich zugleich als Erbe einer langen, ununterbrochenen Zivilisation.
Bei der Zeitorientierung zeigt das Modell also eher Gemeinsamkeiten als Gegensätze.
Deutschland gilt als sequenziell: Termine stehen fest, Pünktlichkeit zählt, Aufgaben werden der Reihe nach erledigt.
China gilt als eher synchron: Mehrere Aufgaben und Beziehungen laufen gleichzeitig, und Pläne bleiben offen für Änderungen.
Deutschland ist eher innengeleitet: Die Umwelt ist etwas, das man analysiert, plant und gestaltet.
China ist eher außengeleitet: Umstände, Zeitpunkt und Kontext werden aufmerksam gelesen, und man passt sich ihnen an, statt etwas zu erzwingen.
Indexwerte aus dem Trompenaars Hampden-Turner Culture Compass.
Kritische Einordnung
Stärken
Trompenaars und Hampden-Turner stützen ihr Modell auf die Antworten Zehntausender Manager aus mehr als 40 Ländern. Für ganze Gesellschaften ist diese Stichprobe nicht repräsentativ. Für ein Buch, das sich an Führungskräfte richtet, ist das aber eine Stärke: Die Daten stammen genau aus der Gruppe, um die es geht, aus Berufstätigen im Geschäftsleben. Zudem sind die sieben Dimensionen konkret und praxisnah formuliert: Regeln oder Beziehungen, wie man zu Ansehen kommt, Aufgabe oder Beziehung. Das macht sie leicht anwendbar, und der Culture Compass des Beratungsunternehmens übersetzt sie in brauchbare Werte.12
Grenzen
Als Hofstede die Daten von Trompenaars selbst noch einmal auswertete, hielten nur zwei der sieben Dimensionen stand, und beide überschnitten sich mit dem Individualismus.3
Universalismus, Individualismus, spezifische Orientierung und erworbener Status treten meist gemeinsam auf. Die sieben Begriffe erfassen also womöglich weniger voneinander unabhängige Unterschiede, als es scheint.
Die meisten Befragungen stammen aus den 1980er- und 1990er-Jahren, also aus der Zeit, bevor China in die Weltmärkte eingebunden war.
Aktuelle Entwicklungen in China und Deutschland
Mit Chinas Einbindung in die Weltmärkte hat sich das Geschäftsleben von rein beziehungsbasierten Absprachen (Guanxi) hin zu formelleren, stärker auf Verträgen und Regeln beruhenden Abläufen bewegt, allerdings je nach Branche und Region sehr unterschiedlich.4 In exportorientierten und Tech-Unternehmen ist der Wandel deutlich; in Teilen des Staatssektors und der traditionellen Industrie geben weiterhin Beziehungen den Ausschlag. Deutschland bleibt klar universalistisch.
Gegen das diffuse Muster, bei dem die Arbeit den ganzen Menschen beansprucht, wehren sich jüngere Beschäftigte in den Städten: Die Ablehnung der 996-Arbeitszeiten und die Haltung des „Tangping“ („sich flach hinlegen“) ziehen eine schärfere Grenze zwischen Beruf und Privatleben.5 Die ohnehin strikte Trennung von Beruf und Privatleben in Deutschland wird durch denselben Wunsch der jungen Generation eher noch verstärkt.
In Chinas wettbewerbsstarken Tech-, Elektroauto- und KI-Unternehmen richtet sich Ansehen zunehmend nach Ergebnissen statt nach Alter oder Beziehungen; diese Branchen rücken damit in Richtung erworbener Status. Im Maschinenbau, in der Chemie und in weiten Teilen der übrigen Wirtschaft zählen Dienstalter und Beziehungen weiterhin. Die Leistungsorientierung in Deutschland ist stabil.
Quellen
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