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Teil 1 · Interkulturelle Modelle

Trompenaars’ sieben Kulturdimensionen

Fons Trompenaars und Charles Hampden-Turner entwickelten das Modell aus Fragebögen, die sie über 15 Jahre hinweg an Manager in mehr als 40 Ländern schickten, und stellten es in Riding the Waves of Culture (1997) vor. Es beschreibt sieben Dimensionen: Die meisten betreffen den Umgang mit Beziehungen, die übrigen den Umgang mit Zeit und Umwelt.

Trompenaars’ Dimensionen im Überblick

Universalismus und PartikularismusOb für alle dieselben Regeln und Maßstäbe gelten (Universalismus) oder ob Beziehungen und Umstände bestimmen, wie eine Regel angewendet wird (Partikularismus).
Individualismus und KommunitarismusOb Menschen sich zuerst als Einzelne sehen oder als Mitglieder einer Gruppe, deren Interessen Vorrang haben.
Neutral oder emotionalOb Gefühle im Zaum gehalten und vom Verstand getrennt werden (neutral) oder offen gezeigt werden (emotional).
Spezifisch oder diffusOb Beruf und Privatleben sauber getrennt bleiben (spezifisch) oder eine Beziehung in alle Lebensbereiche hineinreicht (diffus).
Erworbener oder zugeschriebener StatusOb man sich Ansehen durch Leistung und Ergebnisse erarbeitet (erworbener Status) oder ob es einem durch Position, Alter, Dienstjahre oder Beziehungen zukommt (zugeschriebener Status).
Zeitorientierung (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft)Welches Gewicht eine Kultur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beimisst. Manche Kulturen sehen in der Zukunft eine Wiederholung der Vergangenheit, andere richten fast alles Handeln auf das Kommende aus.
Sequenziell oder synchronOb Zeit eine gerade Linie fester Termine ist, die man nacheinander abarbeitet (sequenziell), oder ob vieles parallel läuft und Pläne beweglich bleiben (synchron).
Innengeleitet oder außengeleitetOb Menschen glauben, ihre Umwelt beherrschen zu können und zu sollen (innengeleitet), oder ob sie sich ihr anpassen und im Einklang mit ihr leben müssen (außengeleitet).

Was das für China und Deutschland bedeutet

Deutschland China Index 0–100
Partikula­rismusAusnahmen
Universa­lismusRegeln
25
93

Deutschland gilt im Modell als ausgeprägt universalistisch: Regeln und Verträge gelten für alle gleichermaßen, ganz gleich, wer beteiligt ist.

China gilt als partikularistisch: Beziehung und Situation bestimmen, wie eine Regel ausgelegt wird, und Verpflichtungen gegenüber Familie, Freunden und engen Kontakten können schwerer wiegen als eine allgemeine Regel.

Kommuni­tarismusDie Gruppe zählt
Individua­lismusDer Einzelne zählt
23
78

China neigt zum Kommunitarismus: Entscheidungen laufen über die Gruppe, Erfolg und Verantwortung werden geteilt.

Deutschland neigt zum Individualismus: Man handelt als Einzelner mit eigener Verantwortung und wird auch so beurteilt.

DiffusEnge Verflechtung
SpezifischKlare Trennung
21
88

Deutschland gilt als spezifisch: Eine Arbeitsbeziehung bleibt auf die Arbeit beschränkt, und wer in der Sache direkt ist, meint es nicht persönlich.

China gilt als diffus: Aus einer Geschäftsbeziehung wird leicht eine persönliche, und Vertrauen aus einem Bereich überträgt sich auf andere.

EmotionalGefühle zeigen
NeutralGefühle zurückhalten
88
90

Beide Länder stehen auf der neutralen Seite: Offen gezeigte Gefühle haben im Berufsleben wenig Platz, allerdings aus unterschiedlichen Gründen.

In Deutschland trennt man Persönliches und Berufliches; in China gehört Zurückhaltung zur Selbstbeherrschung und dazu, das Gesicht zu wahren.

ZugeschriebenWer jemand ist
ErworbenWas jemand leistet
22
92

Deutschland gilt als leistungsorientiert: Ansehen folgt aus Können und Ergebnissen.

China neigt stärker zum zugeschriebenen Status: Auch Alter, Dienstjahre, Titel und gewachsene Beziehungen entscheiden mit, wer Ansehen genießt.

Zeit: Vergangenheit
Zeit: Zukunft
26
28

In der Praxis verbinden beide einen weiten Blick nach vorn mit einem ausgeprägten Geschichtsbewusstsein.

Deutschland plant und investiert langfristig und schöpft zugleich Autorität aus seiner Ingenieurstradition und seinen gewachsenen Institutionen.

China treibt Entwicklung und Innovation voran und versteht sich zugleich als Erbe einer langen, ununterbrochenen Zivilisation.

Bei der Zeitorientierung zeigt das Modell also eher Gemeinsamkeiten als Gegensätze.

SynchronVieles parallel
SequenziellEins nach dem anderen
37
93

Deutschland gilt als sequenziell: Termine stehen fest, Pünktlichkeit zählt, Aufgaben werden der Reihe nach erledigt.

China gilt als eher synchron: Mehrere Aufgaben und Beziehungen laufen gleichzeitig, und Pläne bleiben offen für Änderungen.

Außengeleitet
Innengeleitet
17
37

Deutschland ist eher innengeleitet: Die Umwelt ist etwas, das man analysiert, plant und gestaltet.

China ist eher außengeleitet: Umstände, Zeitpunkt und Kontext werden aufmerksam gelesen, und man passt sich ihnen an, statt etwas zu erzwingen.

Indexwerte aus dem Trompenaars Hampden-Turner Culture Compass.

Kritische Einordnung

Stärken

Trompenaars und Hampden-Turner stützen ihr Modell auf die Antworten Zehntausender Manager aus mehr als 40 Ländern. Für ganze Gesellschaften ist diese Stichprobe nicht repräsentativ. Für ein Buch, das sich an Führungskräfte richtet, ist das aber eine Stärke: Die Daten stammen genau aus der Gruppe, um die es geht, aus Berufstätigen im Geschäftsleben. Zudem sind die sieben Dimensionen konkret und praxisnah formuliert: Regeln oder Beziehungen, wie man zu Ansehen kommt, Aufgabe oder Beziehung. Das macht sie leicht anwendbar, und der Culture Compass des Beratungsunternehmens übersetzt sie in brauchbare Werte.12

Grenzen

Statistisch schwach abgesichert.

Als Hofstede die Daten von Trompenaars selbst noch einmal auswertete, hielten nur zwei der sieben Dimensionen stand, und beide überschnitten sich mit dem Individualismus.3

Die Dimensionen überschneiden sich.

Universalismus, Individualismus, spezifische Orientierung und erworbener Status treten meist gemeinsam auf. Die sieben Begriffe erfassen also womöglich weniger voneinander unabhängige Unterschiede, als es scheint.

Veraltet.

Die meisten Befragungen stammen aus den 1980er- und 1990er-Jahren, also aus der Zeit, bevor China in die Weltmärkte eingebunden war.

Aktuelle Entwicklungen in China und Deutschland

In China gewinnt der Universalismus an Boden.

Mit Chinas Einbindung in die Weltmärkte hat sich das Geschäftsleben von rein beziehungsbasierten Absprachen (Guanxi) hin zu formelleren, stärker auf Verträgen und Regeln beruhenden Abläufen bewegt, allerdings je nach Branche und Region sehr unterschiedlich.4 In exportorientierten und Tech-Unternehmen ist der Wandel deutlich; in Teilen des Staatssektors und der traditionellen Industrie geben weiterhin Beziehungen den Ausschlag. Deutschland bleibt klar universalistisch.

Die Jüngeren ziehen die Grenze zwischen Arbeit und Leben neu.

Gegen das diffuse Muster, bei dem die Arbeit den ganzen Menschen beansprucht, wehren sich jüngere Beschäftigte in den Städten: Die Ablehnung der 996-Arbeitszeiten und die Haltung des „Tangping“ („sich flach hinlegen“) ziehen eine schärfere Grenze zwischen Beruf und Privatleben.5 Die ohnehin strikte Trennung von Beruf und Privatleben in Deutschland wird durch denselben Wunsch der jungen Generation eher noch verstärkt.

Erworbener Status holt auf.

In Chinas wettbewerbsstarken Tech-, Elektroauto- und KI-Unternehmen richtet sich Ansehen zunehmend nach Ergebnissen statt nach Alter oder Beziehungen; diese Branchen rücken damit in Richtung erworbener Status. Im Maschinenbau, in der Chemie und in weiten Teilen der übrigen Wirtschaft zählen Dienstalter und Beziehungen weiterhin. Die Leistungsorientierung in Deutschland ist stabil.

Quellen

1
Trompenaars, F., & Hampden-Turner, C. Riding the Waves of Culture: Understanding Diversity in Global Business. 2. Aufl., Nicholas Brealey, 1997.
3
Hofstede, G. "Riding the Waves of Commerce: A Test of Trompenaars' Model of National Culture Differences." International Journal of Intercultural Relations, 20(2), 1996.
4
"Law, Trust and Institutional Change in China: Evidence from Qualitative Fieldwork." Journal of Chinese Economic and Business Studies, 2016.
5
Brookings Institution. "The Lying Flat Movement Standing in the Way of China's Innovation Drive." 2021.
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